Ein Tunnel für die Ewigkeit – und ein Bahnhof für die Enkel


Ein Tunnel für die Ewigkeit – und ein Bahnhof für die Enkel 🚇☀️

Mit großem Vergnügen habe ich kürzlich in der NZZ den Artikel über den Bau des Gotthardtunnels gelesen. Heute gilt er als Meisterwerk der Ingenieurskunst – ein Symbol für Mut, Innovation und Weitsicht.

Damals hingegen war er vor allem eines: zu teuer, zu riskant und viel zu ambitioniert.

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? 😉

Bauunternehmer Louis Favre versprach Ende des 19. Jahrhunderts, den Tunnel in acht Jahren zu bauen. Daraus wurden zehn. Das Budget explodierte um Millionen. Wassereinbrüche, Streiks und technische Hürden bestimmten die Schlagzeilen. In den Zeitungen wurde gerechnet, geschimpft und gezweifelt.

Der Gotthard war damals das, was Stuttgart 21 heute für viele ist: das Lieblingsobjekt öffentlicher Empörung.

Der einzige Unterschied? Es sind inzwischen 150 Jahre vergangen.

Heute fährt wohl kaum jemand durch den Gotthardtunnel und denkt: „Mensch, hätte man damals doch bloß darauf verzichtet.“ Stattdessen bewundern wir den Pioniergeist jener Generation, die etwas gewagt hat, das größer war als ihre eigene Lebenszeit.

Vielleicht braucht Stuttgart 21 einfach genau denselben Luxus: Zeit.

Denn Hand aufs Herz: In hundert Jahren wird vermutlich kein Reisender mehr im Tiefbahnhof stehen und fragen, wie viele Talkshows, Untersuchungsausschüsse oder Bürgerentscheide es einst gab. Er wird einfach seinen Zug erreichen – hoffentlich pünktlich. 🚆

Vielleicht schreibt dann ein Feuilletonist im Jahr 2126:

„Der Bau von Stuttgart 21 war eine Mutprobe der Vergangenheit. Die Zeitgenossen stritten erbittert über Kosten und Jahre. Heute ist der Bahnhof das Rückgrat der europäischen Infrastruktur.“

Und irgendwo wird jemand schmunzeln und sagen: „Damals haben sie sich über ein paar Milliarden aufgeregt.“

So wie wir heute darüber lächeln, dass Louis Favre den längsten Tunnel der Welt zum Festpreis bauen wollte.

Die Moral dieser Sommeranekdote? Große Infrastrukturprojekte altern oft deutlich besser als die Aufreger-Schlagzeilen darüber.

Wenn sich in hundert Jahren alle genauso über Stuttgart 21 freuen wie wir heute über den Gotthard, dann war es wohl ein Erfolg – selbst wenn der Weg dorthin etwas mehr Geduld verlangt, hat als geplant.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen erholsame Sommerferien, gute Erholung – und vielleicht eine kleine Prise Demut bei der nächsten Bahnfahrt. 😉

Dieter Feige, Juli 2026

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NZZ_24.07.26
NZZ_24.07.26


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