Quantum Leap

“The enormous multiplication of power, the ‘quantum leap’ to a new order of magnitude of destruction.” Merrill Perlman, former Copy Editor, The New York Times

 Dieter Feige (10.2019)

Innovationen - Sammelbegriff für Weiterentwicklungen - hinterlassen Spuren. Wie diese hoffnungslos auf der Strecke gebliebene Dampflok. Dazu noch amputiert, des Fahrwerks beraubt, das vielleicht eine andere Verwendung gefunden hat. Er ist seines Wesens bzw. seiner Funktionalität verlustig, der Dampfkessel außer Dienst. Loco motivus, von seinem Platz beweglich, es war einmal. Nun ist er in seiner ultimativen Rast sprichwörtlich dem Ansetzen von Rost ausgesetzt. Friedhofsruhe im Freiluftmuseum. Rost als optisches Ereignis besitzt nun einmal den Charme, die augenfällige Herbstfarbe vieler Erzeugnisse der Eisenzeit zu sein, die ersichtlich ausgemustert wurden. Was sagt uns dieser Anblick? Diese vormalige Dampflok ist ein markantes Symbol für technologischen Fortschritt, für Innovation. Denn sie besitzt einen hohen Wert über ihre sichtbare Vergänglichkeit hinaus. Weil sie in ihrer sicher erfolgreichen Betriebsgeschichte auch ein Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung, für die nächste Generation war, die letztlich zu ihrem Stillstand führte. Technologie bleibt eben nicht auf der Stelle stehen.

Innovation. Dieser vom Ökonomen Joseph Schumpeter in Umlauf gebrachte Begriff fächert sich bekanntlich in drei Stufen auf: (1.) inkrementell, (2.) radikal und (3.) disruptiv. (1.) Inkrementeller Natur sind die meisten Neuerungen, weil sie einen Vorgänger haben, aus dem sie hervorgegangen sind. Wie die ausgediente Dampflok auf dem Bild. Für die meisten Neuerungen gilt das Symbol n+1, denn sie haben stets einen potenziellen Nachfolger. Auch sie sind letztlich eine Übergangslösung in einer evolutiven Entwicklungsreihe. Als Beispiel kann die Entwicklung der Dampflokomotive - von der „Rocket“ von Stephenson (1829) bis zur „S1“, der Pennsylvania Railroad (1946), herangezogen werden. (2.) Radikale Innovationen werden zumeist mit Revolutionen gleichgesetzt, da sie nicht allmählich, also quasi Schritt für Schritt, wie die inkrementellen Neuerungen erfolgen. Bei ihrem Takeoff verändern sie vor allem bestehende Strukturen, zerstören sie indes nicht. Beispiel hierfür wäre der Transrapid, die Magnetschwebebahn. Der Transrapid behielt das bewährte Verkehrswegesystem der Trasse bei, verlegte die Fahrspur nur in die Höhe. Der revolutionäre Effekt war indes die neue Antriebstechnologie, bei der Fahrzeug und Fahrweg in ihrem Zusammenwirken einen Motor bildeten. (3.) Disruptive Innovationen verändern generell den Status quo. Beispiele disruptiver Innovationen sind in der Digitaltechnologie angesiedelt. In einem Atemzug werden oft Elon Musk, Tesla u.a., Jeff Bezos von Amazon oder Larry Page von Google als Disruptoren und Schrittmacher genannt. Aber gilt der Qualitätsgrad Disruption nur für die neuen Errungenschaften der digitalen Erzeugnisse?

Mitnichten! Die Historie hat nun etliche Persönlichkeiten parat, die auf ihre Art eine disruptive Innovation mit nachhaltiger Wirkungsgeschichte zustande gebracht haben: Christopher Kolumbus, der den Seeweg nach Indien suchte und in der Neuen Welt Anker lichtete. Der Erfinder in Serie, Thomas Alva Edison, Zauberer von Menlo Park, der die Glühlampe erfunden hat. Nicht zuletzt der kürzlich verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking, der die Black Holes mathematisch postulierte, die später mit Teleskopen im Universum vorgefunden wurden.

Weil neu im Portfolio der Markanzwörter, ist der Begriff Disruption bei vielen Zeitgenossen mit Angst besetzt. Schon der Wortbestandteil „rupt“ klingt unsymphatisch. Abrupt, korrupt, eruptiv. Diese Wörter lösen Befürchtungen aus, von gleich intensivem Bedrohungsempfinden wie beispielsweise bei Vulkanausbrüchen oder Tsunamis. Disruptionen suggerieren den Charakter der Unberechenbarkeit von Prozessen, schüren das vorauseilende Trauma des Ungewissen, bewirken die Angst vor Steuerungs- und Kontrollverlusten. Diese Ur-Angst, die disruptive Transformationen auslösen, führte dazu, dass in früheren Zeiten disruptiv agierende Rulebreaker oft der Verfolgung ausgesetzt waren. Wie beispielsweise der Naturphilosoph und Astronom Giordano Bruno, der auf dem Scheiterhaufen starb, Galileo Galilei, den die Inquisition zwang, seinen Lehren abzuschwören, oder René Descartes, der in die Niederlande floh. Dabei haben ihre bahnbrechenden Ideen die Welt zum Positiven hin verändert und die Entwicklungen von Wissenschaften und Aufklärung erst angestoßen.

Wenn wir uns noch einmal das Bild der ausgedienten Dampflokomotive vor Augen halten, könnten wir konstatieren, dass bei inkrementellen Innovationen die müden Beine nicht mehr Schritt halten können, radikale Innovationen die Technik letztendlich auf gänzlich neue Beine stellen und disruptive Innovationen einem sogar den Boden unter den Füßen wegziehen. Beine und Füße. Goldene Beinprothesen soll der Überlieferung nach der göttliche Schmied und Erfinder Hephaistos getragen haben.

Aber, warum wird es uns bei Disruptionen so unbehaglich? Darüber geben uns in wenigen Worten die Naturwissenschaften Auskunft. Uns ist die Ruhe einfach eigen, weil Ruhe biologisch unbestritten der energetische Idealzustand der Lebewesen ist. Oder die Trägheit, wie die Physiker dieses Phänomen zum Kardinalprinzip erheben, welches das regungslose Verharren der Körper in ihrem Zustand beschreibt. Das wissen wir doch sicher noch aus der Schule. Diese Ruhelage bewirkt höchste Stabilität und Verzicht auf Energieverbrauch. Aus diesem bequemen Bewegungszustand indes nun freiwillig oder auf Anraten des Arztes durch Aufbringung von Eigenenergie auszubrechen, nennt man allgemein Sport. Eine Erfindung der Engländer im 18. Jahrhundert, als dort mit der industriellen Revolution die Phänomene der Bewegung und Beschleunigung aufkamen. Move your body.

Denksport nannte man früher knifflige Rätsel, zu deren Lösung man sich den Kopf zerbrach und einiges an Gehirnschmalz aufbringen musste. Denn das physikalisch konstatierte Beharrungsvermögen betrifft nun einmal nicht nur den Körper an sich. Wie die Neurobiologie es uns wissen lässt, sind die Abläufe im neuronalen System gleichfalls chemo-physikalischer Natur, unterliegen also auch der Schwerkraft. Das Denken als Akt einer körperbefreiten Aura im Dualismus von Geist und Materie ist wissenschaftlich längst entzaubert. Deshalb fällt es uns oft so schwer, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben, eingefahrene Gleise zu verlassen, zuverlässige Produkte und Systeme sowie erprobte Einrichtungen auf den Prüfstand ihrer Zukunftstüchtigkeit zu stellen.

Stillstand können wir uns aber nicht erlauben. Somit ist loco motivus im übertragenen Sinne ein Appell und Anspruch, dass wir als homo faber im Zuge der technologischen Entwicklung nicht in der Ruhe verharren dürfen, in der die oft zitierte Kraft wohnt. Deutschland hat sich ja leider in ein Biedermeier 2.0 eingesponnen, auf etlichen Feldern den Anschluss verpasst.

Angesichts der großen Herausforderungen infolge des Klimawandels, des drohenden Kollaps etlicher Ökosysteme und der Bevölkerungsentwicklung brauchen wir disruptive Lösungen. Disruption vergleicht die renommierte Wirtschaftsjournalistin Merill Perlman mit einem Quantensprung. Quantensprünge setzen natürlich energetisch ein hohes Maß an Zerstörung frei. Doch diese Zerstörung ist einfach unabdingbar, sollen Wachstum und Fortschritt in einer umweltverträglichen und zukunftstauglichen Weise weiterhin leitende Prinzipien des Projektes Menschheit sein. Es ist schöpferische Zerstörung, wie das neue Troja auf den Trümmern das alten Troja errichtet wurde. Ingenieure und Techniker nennen diese Transformationen Re-Engineering.

Welche Eigenschaften zeichnen Disruptoren im Vergleich mit professionellen Entwicklern und wissenschaftlichen Forschern aus? Das lässt sich beispielsweise an der Person Christoph Kolumbus verdeutlichen. Disruptoren haben eine klare und tragfähige Vision, die sich auf aktuelle Fakten und valide Erkenntnisse stützt. Kolumbus war von den Vermutungen der antiken Philosophen überzeugt, die Erde sei eine Kugel und keine Scheibe. Disruptoren besitzen zur Realisierung ihrer Vision Courage, Standfestigkeit und Überzeugungskraft. Sie müssen sich gegen Widerstände durchsetzen, sie müssen die Menschen überzeugen, mit denen und mit deren Hilfe sie ihre Vision in die Tat umsetzen. Kolumbus konnte den spanischen König nach mehreren Anläufen für sein Vorhaben gewinnen. Disruptoren dürfen die Risiken nicht scheuen, die mit ihrer Mission verbunden sind. Die erste Fahrt der Expeditionsflotte verlief dramatisch, stand kurz vor dem Abbruch, es dauerte in unbekannten Gewässern zweieinhalb Monate bis zum Anlanden in der Neuen Welt. Disruptoren müssen ihr Team motivieren, begeistern und mitnehmen. Trotz vieler Pannen auf der Fahrt Richtung Westen konnte Kolumbus stets die Crew davon überzeugen, das Ziel Indien zu erreichen, Meutereien im Ansatz verhindern und die Seeleute motivieren, trotz aller Entbehrungen nicht aufzugeben. Er war der Held, als sie Anker warfen. Sein Investor, die spanische Krone, wurde Weltmacht, in deren Reich die Sonne nie unterging.

Disruptoren brechen immer in ein Niemandsland auf. Ihre Strategie ist nicht frei von Imponderabilien, deshalb fahren sie im Sichtflug. Wie der antike Held Odysseus. Seine Reise, gespickt mit Beinahe-Kollisionen und Situationen von worst case, fand letztlich ihren Zielort Ithaka.

Aber Achtung! Verwechseln dürfen wir diese Menschen, die uns mit disruptiven Innovationen nach vorne bringen wollen, nicht mit einem Persönlichkeitstypus, der laut aktueller DSM-5 (fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) eine disruptive Affektregulationsstörung aufweist. Dieses von der Norm abweichende Verhalten wird mit der Etikette disruptiv katalogisiert. Damit wird leider disruptiv wieder zum Reizwort mit bitterem Beigeschmack. Prominente Vertreter dieser Störanfälligkeiten geben fast tagtäglich die Schlagzeilen ab. Schnell reizbar und verärgert reagieren sie unangemessen und spontan mit schweren Wutausbrüchen und aggressiven Beschimpfungen. Ihre rabulistische Rhetorik wird noch mittels entsprechender Körpersprache verstärkt. Diese Menschen haben aber mit Innovatoren disruptiver Qualität gar nichts gemein. Im Übrigen treffen wir häufig diesen Menschentyp in der Historie an, beispielsweise Nero, Hitler, Mussolini.

In etlichen Branchen herrscht Phlegma. Die inkrementelle Optimierung von Produkten reicht im globalen Wettbewerb nicht aus. Die Produktzyklen werden immer kürzer, irgendwann sind die Potenziale erschöpft und ausgereizt. Nokia zum Beispiel hat dieses Schicksal bereits ereilt. Das iPhone entwickelt sich gleichfalls zum Auslaufmodell, das iPod verliert angesichts von Streaming seine Bedeutung. Gesucht sind also Menschen mit Visionen und Ideen über den Tellerrand hinaus, die zudem couragiert sind, Hürden und Klippen zu meistern, ihr Ziel fest im Auge zu behalten, mit Charisma und Überzeugungskraft ihr Team zu motivieren und mitzureißen, mit der Fähigkeit, zu begeistern, um mögliche Durststrecken ohne Frustration zu überstehen. Wie Christopher Kolumbus, wie Johannes Gutenberg, wie die Gebrüder Wright, wie Nikola Tesla.

Düsseldorf, im Oktober 2019

Dieter Feige