Koalitionsverhandlungen

Koalitionsverhandlungen

Der süße Duft der Macht

 

Dieter Feige, September 2021

 

Die gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen erinnern mich an ein Gemälde, dass so trefflich zeigt, wie der bekämpfte Gegner zum umworbenen Günstling verführt wurde ...

 

Im Sommer diesen Jahres besuchte ich das Mauritshuis in Den Haag, wo viele Exponate in einer Sonderausstellung über Blumendüfte präsentiert wurden. Das Bild „Armida Binding the Sleeping Rinaldo with Flowers“ zog mich in den Bann. Der niederländische Maler Willem van Mieris (1662 - 1747) illustrierte im barocken Stil eine Schlüsselszene aus dem Werk von Torquato Tasso „Das befreite Jerusalem“. Armida, eine versierte Zauberin und Zirze, verführt den berühmten Kreuzritter Rinaldo im Schlaf, indem sie ihn mit wohlduftenden Blumenketten umgarnt. Ihr erstes Ansinnen war indes, den gehassten Todfeind im Schlaf zu töten, in den eine Meerjungfrau ihn gesungen hatte. Doch nun in den schlummernden Rinaldo wegen seines verlockenden Odeurs verliebt, will sie mit ihm die Zukunft auf einer magischen Insel verbringen.

 

Dieses friedvoll-idyllische Motiv, so mein Gedanke, lässt sich auch auf die zirzenhaften Verführungskünste der Parteien nach dem Vorliegen des amtlichen Wahlergebnisses übertragen. Vorbei der Wahlkampf, eine heftig ausgetragene Fehde mit Kampfansagen gegen die erbitterten Gegner, um den Sieg der einzig wahren Politik zu erringen. Nun nimmt aber langsam die Erregung bis zur Ernüchterung merklich ab. Kurzes Wunden lecken im Waffenstillstand mit der Aussicht, in den Koalitionsverhandlungen Allianzen zu schmieden, um nicht auf der Oppositionsbank zu landen. Unversöhnliche Gegensätze müssen ausgeräumt und die tiefen Gräben überbrückt werden. Diese Annäherungsversuche, aus zarten programmatischen Flirts haltbare Zweckehen auf Zeit zu gründen, sind pure Verführungen mit dem süßen Duft der Macht. Es ist die Zirzen-Kunst der Verhandlungsführer, den betörenden Zauber zu entfalten, bis die Begünstigten sich auf geeinigter Linie gut riechen können, wie Armida und Rinaldo. Die verlockenden Offerten, die volle Macht nunmehr gemeinsam zu genießen, sind zugeschanzte Ressorts und nach Proporz vergebene Ämter.

 

In der Erzählung von Torquato Tasso gelangen Gefährten auf die Insel, dringen in die magische Festung von Armida ein, lassen Rinaldo in einen diamantenen Spiegel schauen. Darin erkennt er die um ihn verzauberte Welt als Lug und Trug und verlässt entsetzt die Zauberinsel. Diese Wendung ist jedoch in der bundesrepublikanischen Parlamentsgeschichte die Ausnahme.

 

Epilog: Seit der Wahlnacht gibt es eine neue Unter-Dreißig-Prozent-Arithmetik, ergo zwei Sieger. Die müssen jetzt ihre künftigen zwei Vasallen ködern. Vielleicht durch neue Ressort-Zuschnitte und Erfindung neuer Ministerien. Im Zuge dieser Verhandlungen dürfte auch das Thema Trennung von Netz und Betrieb zur Verhandlungsmasse gehören. Abwarten, was herauskommt. Denn nun verabreden die farblich verschieden gekennzeichneten Meisterköche im Küchenlabor untereinander die Zutaten für ein Süppchen, das das Wahlvolk letztendlich auslöffeln muss. Wohl bekomm’s.

 

Zur musikalischen Interpretation des Wahlergebnisses kommt mir der Ray Charles-Klassiker „Hit the Road Jack“ in den Sinn. Wer? Einer von beiden gewiss. https://www.youtube.com/watch?v=CyVuYAHiZb8

 

 


Armida Binding the Sleeping Rinaldo with Flowers by Willem van Mieris (1662 - 1747)