BREXIT vs Fish & Chips

Fischers Fritze fished fresh fish

BREXIT-Auswirkung auf Fish ‘n‘ Chips

Dieter Feige März 2021

Seit Jahr und Tag treffe ich mich mit meinem irischen Freund und Weggefährten Carl in einem Pub, wo wir bei Fish ‘n‘ Chips über sein Leben in Deutschland und die Ereignisse in seiner Heimat sprechen. Um den Austausch in Coronazeiten fortzuführen, kam uns die Idee, sein Nationalgericht daheim zu genießen. Als Gastgeber oblag mir die Zubereitung aus Kabeljau, dazu knusprige Chipped Potatoes und als Beilage die Mushy Peas sowie eine delikate Tartar Sauce aus Zwiebeln und Gherkins. Carl brachte eine druckfrische irische Tageszeitung mit, weil dieser Leckerbissen traditionell zum Sofortverzehr auf der Straße in Zeitungspapier eingewickelt wird. Ob der Frischfisch aus Irland mit Inkrafttreten des Brexit noch rechtzeitig im Pariser Fischmarkt Rungis eintrifft, war die Frage während der Zubereitung. Bislang lief die Route über See von Dublin nach Holyhead in Wales, weiter per Lkw nach Dover, von dort nach Calais und sodann nach Rungis, um „best before“ den Verbraucher zu erreichen. Diese Route brächte nun infolge der zeitaufwendigen Zollabfertigungen den Frischfisch vollends ins Verderben. Die Iren, so Carl, besitzen eine in fast achthundert Jahren Kampf gegen die Briten gewachsene Cleverness, den Briten ein Schnippchen zu schlagen. Wir können weiterhin mit Frischfisch aus Irland rechnen, weil dieser nun innerhalb der EU vom südwestlich gelegenen Hafen Rosslare durch die Keltische See nach Cherbourg oder Le Havre verschifft wird. Diese Route garantiert fortan den Absatz, zumal der größte Teil des irischen Fischfangs exportiert wird. Die Schotten hingegen bleiben mit ihrem Fisch auf dem Trockenen, dem Landweg bis zu den südenglischen Häfen, der dort im Zollabfertigungsstau endet, Exporte in die EU vorläufig gestrichen.
Die Iren sind zwar traditionell erfahrene Fischer, aber keine Fischliebhaber, ausgenommen Fish ‘n‘ Chips. Verursacher dieser Abstinenz sind die Briten. In den Zeiten britischer Herrschaft mussten Iren gefangenen Fisch bei den Briten abliefern, auch war es ihnen in machen Zeiten untersagt, ein Boot zu besitzen.

Nun kamen wir auch auf das Schienennetz zu sprechen. Bereits 1834 fuhr die erste Eisenbahn in Irland, das 1800 dem UK einverleibt worden war, die Dublin and Kingstown Railway. Es folgen zwei weitere Strecken, die Ulster Railway und die Dublin and Drogheda Railway. Wegen der drei unterschiedlichen Spurweiten wurde 1843 die Spurweite von 1.600 mm verbindlich verordnet. Von 1888 bis 1924 gab es mit der Listowel and Bullybunion Railway sogar die erste Einschienenbahn der Welt, die kommerziell genutzt wurde. 1920 betrug das Streckennetz stolze 5.600 km. Nach der Teilung der Insel 1921 setzte ein Schrumpfungsprozess ein. Stand 2005 verblieben noch rund 2.300 km Breitspur 1.600 mm, davon 1.920 km in der Republik Irland und 340 km in Nordirland. Stilllegungen betrafen vor allem das Gebiet um die errichtete Grenze. Wenige Schmalspurstrecken werden touristisch genutzt. Heute dient die Eisenbahn vor allem der Personenbeförderung, der Gütertransport auf Schiene spielt eine unbedeutende Rolle.

“If you had the luck of the Irish .. and you'd wish you was English instead!“ (John Lennon, 1972). https://www.youtube.com/watch?v=k3vw5kZADAQ

Zur Historie Irlands und Nordirlands

Der Leidensweg, von den Briten als „Troubles“ kaschiert, begann vor 800 Jahren, als der Norden der Insel von Engländern erobert wurde. Auch wurden Schotten und Waliser in Ulster angesiedelt. Der Zustrom von Engländern erstreckte sich über die gesamte Insel, infolge dieser Kolonialisierung wurde die irische Bevölkerung enteignet. Aufstände wurden blutig niedergeschlagen, die Religionsausübung behindert, den Katholiken das Wahlrecht genommen. Nach der gescheiterten Rebellion wurde 1800 der Staat Irland ausgelöscht, 1801 die Insel dem UK zugeschlagen. Es hatte sich eine Segregation zementiert. Hier die meist bäuerlichen, auf kleinen Parzellen als Pächter englischer Groß-grundbesitzer wirtschaftenden katholischen Iren, verarmt und entrechtet, dort die privilegierten, wohlhabenden englischen Siedler. Bei wachsender Bevölkerungszahl kam zum fehlenden Ackerland noch der Mangel an Arbeit hinzu, da außer in Ulster keine Industrie angesiedelt wurde. Missernten führten zu Hungernöten (The Great Hunger 1845/52), Millionen Iren wanderten in die Neue Welt aus. Der lang aufgestaute Zorn der stolzen Iren machte sich in The Easter Rising 1916 und der folgen Irish War of Independence von 1919 bis 1921 Luft und führte zur Teilung Irlands. Der Freistaat Irland wurde ausgerufen, ein Dominion des britischen Reichs, aus dem Nordirland austreten durfte. 1949 entstand die Republik Irland. Nordirland kam aber nicht zur Ruhe. Ab 1969 flammte der Konflikt in bürgerkriegsähnlichen Aufständen auf. Das 1998 geschlossenen Karfreitags-Abkommen sollte Frieden schaffen, aber die „Troubles“ waren nicht ausgeräumt. Starke Industriezweige wie Schiffsbau und Textilindustrie brachen als Folge der „Troubles“ ein.

Der „kalte“ Frieden, ein „acceptable level of violence“, ist von tief verwurzeltem Misstrauen und kommunaler Segregation bedroht. Das dokumentieren in Belfast die Friedenslinien, die protestantische und katholische Viertel ausweisen und eine gefühlte Apartheit manifestieren. Der Brexit hätte diesen zerbrechlichen Frieden gefährdet; es wurde in Nachspielzeit das Nordirland-Protokoll ausgehandelt. Nordirland gehört dem UK an, ist aber Teil des EU-Binnenmarkts und der Zollunion, die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland bleibt offen. Anlass war auch, dass ein Großteil nordirischer Waren in die EU, vor allem nach Irland exportiert wird. Ferner bleiben die EU-Agrarsubventionen erhalten, die 90% der Einkünfte der Landwirtschaft sichern. Jetzt aber besteht eine faktische Grenze zwischen Nordirland und dem Mutterland, die infolge der aufwändigen Zollkontrollen die Warenströme vom Festland nahezu zum Erliegen bringt und im Januar für erste Versorgungsengpässe gesorgt hat. Die pro-britische protestantische Bevölkerung, die stets gegen diese Lösung war, schäumt vor Wut, weil Johnson ihnen das Gegenteil versprochen hatte. Die Kontrollen führen zu absurden Situationen. Angelieferte Baggerschaufeln, die mit britischer Erde verschmutzt waren, wurden zurückgewiesen, weil Erde aus dem UK aufgrund der EU-Gesundheitsrichtlinien nicht eingeführt werden darf. Käse aus dem UK ist gestrichen, weil die Versandzeit zu lange dauert. Amazon liefert keine Alkoholika wegen zu hoher Zölle und der komplizierten Einfuhrbestimmungen nach Nordirland. „Die Situation wird schlechter, bevor sie besser wird,“ so Minister Michael Gove, der nun hofft, die EU würde die bis April im Nordirland-Protokoll vereinbarte dreimonatige Schonfrist für Kontrollen von Lebensmitteln bis Ende 2023 verlängern. Wait and see and sip your tea.

Hoffnung besteht eher darin, dass nach einem im Karfreitags-Abkommen vorgesehenen Referendum die Grenze aufgehoben wird, ein leidvolles Kapitel britischer Kolonialgeschichte schließt und das gesamtirische Schienennetz wieder wächst, indem es auch zusammenwächst.