Atacama - lost in desert

The railway track runs in the desert sand
 
Eldorado 4.0 - The Atacama Desert

Am 12. September 2019 berichtete die FAZ in der Rubrik Zukunft der Mobilität unter der Headline „Der Griff nach dem weißen Gold“ über den Abbau von Lithium in Bolivien und Chile. Längst vergessene Erinnerungen an eine abenteuerliche Erlebnisreise stiegen auf. Diese Reise führte mich auch durch die Wüstenregion von Antofagasta, die Atacama, wo jetzt das „weiße Gold“ Lithium gewonnen wird. Angeregt durch diesen Bericht habe ich mich in der letzten Zeit wieder intensiv mit dieser Region und den damit verbundenen Themen befasst.
 
Ein Vierteljahrhundert zurück. 1994 reiste ich mit meinem Freund Stephan und seiner Frau Siggi durch Chile. Die Route mit dem Auto betrug von der peruanischen Grenze im Norden bis nach Feuerland an der Südspitze 4.200 Kilometer. Stephan, in Chile aufgewachsen und später für Daimler-Benz weltweit unterwegs, war als kundiger „Einheimischer“ natürlich der perfekte Reiseführer. Der Besuch der Atacama war beeindruckend, die ausgetrockneten, rohstoffreichen Salzseen, eine der weltweit größten Kupferminen, die menschenverlassenen Geisterstädte, wo noch Wahlplakate von Salvador Allende hingen.
 
Das „weiße Gold“ Chiles war vormals Salpeter, der industriell in der Atacama abgebaut wurde. Denn die Atacama war häufig Schauplatz bedeutender Rohstoffgewinnung. Erst waren es die riesigen Silbervorkommen bei Chañarcillo. Es folgte Salpeter, Rohstoff für die Erzeugung von Dünger und Sprengstoff, der zum erbittert geführten Salpeterkrieg zwischen Chile, Bolivien und Peru führte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde mit der Förderung von Kupfer im Tagebau bei Chuquicamata begonnen. Heute ist das „weiße Gold“ Chiles das heiß begehrte Lithium in dem Salar de Atacama, wo 7,5 Mio. Tonnen der mit 13,5 Mio. Tonnen weltweit ermittelten Reserven liegen. Die Suche der spanischen Konquistadoren nach dem sagenhaften Goldland Eldorado, erst in Kolumbien, später in Guayana, zuletzt in Amazonien, blieb ergebnislos. Erst die Prospektoren und Geologen haben ab dem 19. Jahrhundert das wahre Eldorado entdeckt, die an wertvollen Bodenschätzen reichhaltige Atacama.
 
In der Atacama belebte und bevölkerte sich die öde Wüstenregion immer dann, wenn für den Abbau von Silber und Salpeter Heerscharen an Arbeitskräften gebraucht wurden. Wurde die Förderung eingestellt, wurden diese Stätten von den Menschen verlassen und der Wüste übergeben. Eine Desertation begann, denn das Zurückgelassene bildete jetzt einen Teil der Wüste, Geisterstädte, verwaiste Straßen, Schienen, die in ein Nirgendwo führten. Einen Ort, dem dieses Schicksal zuteil wurde, haben wir bei der Erkundung der Atacama besucht.
 
Baquedano - a railway station under monumental protection

Baquedano, ein Dorf nördlich von Antofagasta mit heute knapp 800 Bewohnern. Dieses Dorf hat indes eine wirtschaftliche Blütezeit erlebt, die ab 1870 mit der Erschließung der großen Salzlager begann, die in der Region Antofagasta lagen. Damals noch unter bolivianischer Flagge, strömten viele Chilenen in die Region, um sich als Arbeitskräfte zu verdingen. Nach dem Pazifikkrieg stand das Gebiet unter chilenischer Hoheit und galt als bedeutende Enklave des Bergbaus. Mit der Errichtung der erforderlichen Schieneninfrastruktur wurde die Firma Antofagasta and Bolivia Railway Company beauftragt. Einen wichtigen Zwischenpunkt der Strecke, die dem Transport von den Abbaustätten zu den Häfen diente, sollte ein Bahnhof bilden. Als Standort bot sich Baquedano an, knapp 90 km vom Streckenausgangspunkt Antofagasta entfernt. Geplant war, die Eisenbahnlinie über den Ollagüe-Pass bis Bolivien weiterzuführen. Der Bahnhof Baquedano wurde 1910 erbaut, er wurde rasch zu einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte an der Bahnstrecke entlang der Salpeterroute. Mit dem Ausbau zum Eisenbahnkomplex wuchs das Dorf rasch zu einer kleinstädtischen Gemeinde. Ein weiterer Standortvorteil war, dass Baquedano an der Panamericana lag. Zuletzt umfasste das Areal etliche Wohnhäuser für Mitarbeiter, ein Herrenhaus, Lagerhäuser und Werkstätten. Prunkstück war das Maschinenhaus, das 16 Lokomotiven Platz bot. Ende der 70-er Jahre wurde der Betrieb eingestellt, die meisten Menschen verließen Baquedano. Es begann die Desertation. 1983 wurde der verlassenen Anlage der Status eines historischen Denkmals verliehen.
 
Baquedano beherbergt seitdem das Museo Ferroviario de Baquedano, wohl bis zum Jüngsten Tag, falls es dort solange weilen darf. Denn infolge des extrem trockenen Wüstenklimas bleiben die stählernen Körper, Gerippe und Häute der Lokomotiven, Waggons, Lokschuppen, Wassertürme und Drehscheiben vom Rostbefall weitestgehend verschont. Auch den vielen Gebäuden und Anlagen verleiht das Wüstenklima eine Langzeitlebensdauer. Dort ruhen sie nun, wie auf einem Heldenfriedhof, als ausrangierte Veteranen, die lange im Dienst der State Railroad Company, zuletzt dem Unternehmen Ferronor, gestanden haben. Sie verbringen die Tage bei glühender Hitze in grellem Sonnenlicht unter einem azurblauen, selten bewölkten Himmel in flirrender Luft. Nachts dämmern sie unter einem prächtigen Sternenhimmel.
 
Das Eisenbahnmuseum der Atacama in Baquedano konserviert in seiner einmaligen Totalität eine vormals lebendige Epoche der südamerikanischen Eisenbahnkultur. Der Blick auf das Areal, die Betrachtung der Lokomotiven und Waggons, der Anblick der Anlagen und Gebäude als stumme Zeugen einer technologisch ruhmreichen Vergangenheit lassen den Spirit dieser Zeit wieder ahnen und spüren. Der Besuch von Baquedano bietet höchst eindrucksvolle Erlebnisse und bewirkt nachhaltige Erinnerungen. Einige Fotos zur Illustration vermögen sicher diese Eindrücke zu visualisieren.
 
Dornröschenschlaf der Atacama? Die indigenen Ureinwohner, die Atacameños, dort seit mehr als 7.000 Jahren in Oasen beheimatet, verehrten die Mächte der Natur und glaubten an ein Leben nach dem Tod. Sie wussten aus Erfahrung, dass nach einer Periode der Trockenheit von sechs bis zehn Jahren regelmäßig heftiger Regen fällt, der eine zeitlang das Leben in der Wüste wieder wachsen und gedeihen lässt. So wird gewiss auch das „weiße Gold“ Lithium die Atacama wieder zum Erblühen bringt und der Region eine neue Ära von Prosperität und Wirtschaftswachstum bescheren. Der Bedarf an Lithium als wichtigster Inhaltsstoff von Batterien steigt exponentiell an. Allein in der Batterie eines Elektroautos sind zwischen 11 bis 20 kg Lithium verbaut. Infolge der Elektromobilisierung steigt die Menge an benötigtem Lithium weltweit von 33.000 Tonnen in 2016 auf geschätzte 111.000 Tonnen in 2025. Fast zwei Drittel Lithium werden aus Salzseen gewonnen, 60 % der Weltreserven lagern in der Atacama. Gründe genug, zuversichtlich der Atacama eine gute Zukunft zu bescheinigen.
 
Von Hoffnung getragene Gelassenheit vermitteln die Klänge zu schönen Bildimpressionen von „Desierto Atacama“: https://www.youtube.com/watch?v=QUJyH0ecvgs
 
„Ein Quantum Trost“ heißt der 2008 in die Kinos gekommene James-Bond-Film mit Daniel Craig. Einer der Drehorte weltweit war die Atacama, die Geisterstadt Cobija, das Paranal-Observatorium der ESO und ESO Hotel sowie Antofagasta, wo auch die Filmcrew residierte. Ein Quantum Trost – eine Botschaft an die Atacama, die Hoffnung nicht zu verlieren. Diese Hoffnung auf eine neue Chance drückt sich auch in den Fotos aus dem Museo Ferroviario de Baquedano aus. Alle die in einem einsatzfähigen Zustand zum Nichtstun verdammten Lokomotiven, Waggons und Einrichtungen dieses Eisenbahnkomplexes vermitteln den Eindruck, auf dem Sprung aus ihrem musealen Stillstand zu stehen, um wieder ins Rollen zu kommen und in Betrieb zu gehen. „¡A una nueva vida, Atacama!”