Nicht qualmen !

Thick air - but not by rail
 
Dieses Schild ist kein Hinweis auf ein Rauchverbot auf Bahnhöfen, geschweige in Zügen. Denn erst seit September 2007 ist in Bahnhöfen und Waggons der Zug an der Zigarette, Zigarre und Pfeife eine Ordnungswidrigkeit. „Nicht qualmen!“ war seinerzeit der Hinweis an den Lokführer einer Dampflokomotive, hier an einem mit Reisenden bevölkerten Bahnsteig keinen sichtbaren Dampf durch den Schornstein entweichen zu lassen. Also „Dicke Luft“, sprich schwarzer, rußiger Qualm. Die Bahn war schon damals sehr rücksichtsvoll, als der Begriff Luftverschmutzung noch Science-Fiction war.
 
Klimapakt - Mit günstigen CO
2-Werten bringt sich die Bahn in Stellung
Angesichts der mit dem aktuellen Klimaschutzpaket der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen, den CO
2-Ausstoß nach Maßgabe des Abkommens der Weltklimakonferenz von Paris zu reduzieren, erhält dieses Foto eine neue, zeitgemäße Bedeutung. „Nicht qualmen!“ ist ein Appell, den die Eisenbahn 2019 erfüllen kann, also eine Art Klima-Branding für die Schiene. Denn sie ist das Verkehrssystem mit dem fast niedrigsten CO2-Wert in Gramm pro Person pro Kilometer, knapp geschlagen von Fernreisebussen. Das Umweltbundesamt gibt auf einer veröffentlichten Tabelle mit Werten aus dem Bezugsjahr 2017 in einer synoptischen Darstellung detaillierte Auskunft dazu. So schneiden Reisebus und Eisenbahn (Fernverkehr) in dem direkten „Vergleich der durchschnittlichen Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr“ mit 32 g/Pkm bzw. 36 g/Pkm in der Kategorie Treibhausgase augenfällig günstig ab. Pkw und Flugzeug sind mit 139 g/Pkm bzw. 201 g/Pkm mit großem Abstand die „Spitzenreiter“. Selbst im Nahverkehr hat die Eisenbahn mit 60 g/Pkm leichte Vorteile gegenüber dem Linienbus, 74 g/Pkm, ist gleichauf mit Straßen-/Stadt-/U-Bahn, 64 g/Pkm. Für die Kompatibilität der errechneten Werte wurde eine realistische Auslastung von 1,5 Personen/Pkw, 60% Reisebus, 82 % Flugzeug und 56 % Bahn zugrundegelegt. Aber auch in den übrigen Emissionsbereichen Kohlenmonoxid, flüchtige Kohlenwasserstoffe, Stickoxide und Feinstaub hat die Bahn jeweils die niedrigsten Werte. Und die Bahn arbeitet mit Hochdruck an einer stetigen Verbesserung – im Fernverkehr hat sie das Ziel 100 %-igen Bezugs von Ökostrom im Jahr 2018 bereits erreicht.
 
 
Doch dieser klimafreundliche Bonus der Bahn spielt in der intensiv geführten öffentlichen Debatte über sinnvolle Maßnahmen zur Reduzierung von CO
2 noch eine Statistenrolle. Im Fokus der Überlegungen von Politik, Medien, Experten und vor allem Konsumenten stehen das Auto und das Flugzeug als die meistgenutzten Verkehrsmittel. Ist es beim Auto in erster Linie die nicht preiszugebende Individualität, weiterhin gespeist vom Mythos einer freien Fahrt für freie Bürger, ungeachtet der rauen Realität von Staus, Stress und Kosten, so punktet das Flugzeug natürlich mit der enormen Zeitersparnis beim Überbrücken großer Entfernungen. Früher ein Privileg, doch mittlerweile infolge des Aufbaus einer große Flotte von Großraumflugzeugen zum „Billigen Jakob“ avanciert, ist die Nutzungssteigerung natürlich wie im Steilflug ausgefallen. Von 310 Mio. Passagieren 1970 weltweit stieg die Anzahl der Flugreisenden 2018 auf rund 4 Mrd.
 
Klimaziele 2030 - Im Verkehr geht an der Bahn kein Weg vorbei
Will Politik konsequent im Emissionsbereich Verkehr einen Beitrag zur deutlichen Senkung von CO
2 bewirken, muss sie die Bahn ins Spiel bringen. Die im Automobilsektor geforderte Umrüstung auf E-Mobilität ist hinsichtlich Energiebilanz, also Emissionseinsparung, eher eine Milchmädchenrechnung. Diese Fahrzeuge müssen erst energieintensiv produziert werden, gleichfalls muss der Treibstoff Strom erzeugt werden, der zudem derzeit noch gar nicht ausreichend angeboten werden kann. Außerdem fehlt die Infrastruktur, des Weiteren ist die Beschaffung der Rohstoffe für die Batterien schwierig. Nicht zuletzt beseitigt der Wechsel auf E-Mobilität nicht den Verkehrsinfarkt. Die Anzahl der Autos bleibt ja erhalten. Das alles führt irgendwie in eine Sackgasse. Gleichfalls schwierig wird das Unterfangen, im Bereich Fliegen emissionssenkende Steuerungsmaßnahmen zu implementieren, die breite Akzeptanz finden, aber trotzdem effizient sind sein sollen. Schwierig, weil die Nutzung beider Verkehrssysteme emotional aufgeladen ist. Die Werbung für Autos und Flugreisen bedient die Klaviatur der Emotionen, zaubert Erlebniswelten bis zur Eudämonie. Wer möchte schon aus dem Paradies aussteigen? Ein weiteres starkes Argument für die Schiene sind die Umwelt- und Sozialkosten. Sie beziffern sich bei Auto und Flugzeug mit jeweils € 6/100 km, bei der Bahn sind es indes lediglich € 1,50/100 km. Dieser Wert könnte das Gewissen ansprechen und der Vernunft die Augen öffnen. Selbst in der Gesamt-Öko-Bilanz schneidet die Bahn mit einem CO2-Wert von rund 70 g/Pkm hervorragend ab. In dieser von Mikhail Chester und Arpad Horvath, University of California in Berkeley, entwickelten Berechnungsmethode wird der totale Energieaufwand berechnet, der neben Herstellung und Betrieb auch den Bau und die Unterhaltung des Verkehrssystems mit einbezieht. Denn selbst mit diesem Wert, in wertegleicher Nachbarschaft mit Bussen und Bahnen des kommunalen ÖPNV, liegt der Schienenverkehr wesentlich klimafreundlicher als Pkw und Flugverkehr.
 
Bevor wir unser Plädoyer und Credo für die Bahn beenden, werfen wir noch einen Blick auf das Klimapaket der Bundesregierung. Im Sektor Verkehr sind in den „Eckpunkte(n) für das Klimaschutzprogramm 2030“ (Fassung nach Klimakabinett) für die Bahn neben der Senkung der Mehrwertsteuer für Bahnreisen im Fernverkehr auf 7% drei Schwerpunktmaßnahmen beschlossen: vi. Erhöhung der Attraktivität des Schienenpersonenverkehrs mit einer Gesamtinvestition bis 2030 von 86 Mrd. €, vii. Stärkung des Schienengüterverkehrs, viii. Kapitalerhöhung DB im Zeitraum 2020 bis 2030 mit jährlich 1 Mrd. € zusätzlichem Eigenkapital. Die von der Politik damit gesetzten Signale stehen also auf Fahrt. Bleibt zu hoffen, dass die geplanten Maßnahmen schnell an Fahrt aufnehmen und ihre Ziele erreichen. Auf dem Foto „Nicht qualmen!“ ist der einziehende Frühling zu erkennen. Wir werten das als gutes Omen.
  
Apropos Frühlingsblau. Nach der Währungsreform, als Tabak kein Schwarzmarktprodukt mehr war, frönten viele Menschen dem „blauen Dunst“. Beliebt war die Zigarette „davor“, also vor wichtigen Entscheidungen. Ein US-Hit aus 1947 weiß launig darüber zu berichten.

Hören Sie mal rein: https://www.youtube.com/watch?v=3qRenpnB5WA