An Vor-Gestern festhalten

 An Vor-Gestern festhalten

 

“Incredible India - with a rich heritage and myriad attractions”

 

Dieter Feige, Juli 2021

 

Mit dieser Selbstironie wirbt die indische Regierung mit nostalgischem Charme im wesentlichen Ausland für Tourismus. Die hier gezeigten Fotos sind nicht aus Opas Fotoalbum, sondern 2018 von dem Fotografen Holger Günther im nordindischen Bundesstaat Rajasthan aufgenommen. Wenn man bedenkt, dass im Kontrast hierzu Indien eine Atommacht ist und über nukleare Kurz- und Mittelstreckenraketen verfügt, zudem einer der weltgrößten Pharmaproduzenten und gigantischer Software-Outsourcing-Anbieter ist, fallen plausible Antworten schwer.

 

Ich habe sieben Jahre ein Büro in Indien unterhalten und dort mit einem kleinen Team deutsche Firmen beim Aufbau ihrer Standorte vor Ort beraten. Schon deshalb war ich häufig im Subkontinent unterwegs und das Festhalten an der Rückständigkeit war erschreckend. Während wir in der EU in Anbetracht des Deltas von Fachkräftemangel und alternder Bevölkerung zur Erhaltung des Lebensstils unsere Produktivität enorm steigern müssen, herrscht dort der Gegensatz, möglichst viele Menschen zu beschäftigen. Deshalb ist die Verwendung moderner und produktiver Technik schier verpönt. Anstatt z.B. im Straßenbau Produktionsstraßen einzusetzen, waren Heerscharen von Arbeitern im Einsatz. Low Tech, reine Handarbeit. Frauen und Kinder zerkleinerten Granitblöcke zu Schotter, Arbeiter erhitzen in kleinen Öfen Asphalt, der in Kleinstmengen aufgetragen wurde. Mit Rechen wurde der frische Belag geglättet, falls vorhanden, rollte eine vorsintflutliche Walze darüber. Resultat dieser Patchwork-Technologie war eine extreme Unebenheit des Straßenbelags. Diese Form der Arbeitsbeschaffung galt jedoch für viele Bereiche in Indien, ob im Haushalt oder Büro, so auch im Streckenbau der Eisenbahnen.

 

Bahnreisen in Indien – ein preiswerter Alptraum

Täglich nutzen 23 Millionen Menschen die indischen Eisenbahnen, meist Pendler; eine Milliarde Tonnen Güter werden jährlich auf dem Schienennetz befördert; mit 1,3 Millionen Mitarbeitern ist der Staatsbetrieb Indian Railsways der größte Arbeitgeber der Welt. Doch das indische Bahnwesen gilt als verschlissen, verrottet und verdreckt, Verspätungen bis zu einem Tag müssen in Kauf genommen werden, zudem ist das Bahnfahren lebensgefährlich, täglich gibt es im Schnitt immer noch vierzig Todesopfer zu beklagen. Die meisten sind von den Dächern der überfüllten Züge gefallen, manche haben an ungesicherten Bahnübergängen ihr Leben gelassen. Man muss wissen wie man sich festhält, so der Tipp von routinierten Pendlern. Aber selbst das ist keine Überlebensgarantie, wie es die schweren Eisen-bahnunglücke dokumentieren, bei denen die Zahl der Todesopfer oft in dreistelliger Höhe liegt. Im traurigen Rekordjahr 2014 starben 27.581 Menschen im Schienenverkehr. Grund für diese Misere ist eine hoffnungslos veraltete Infrastruktur, mehr als die Hälfte des Schienennetzes stammt aus der Kolonialzeit vor 1947, wie auch schrottreife Züge, marode Stellwerke und Bahnhöfe aus der Kolonialzeit. Günstig ist die Bahn indes wegen der spottbilligen Fahrpreise, ansonsten die Massen der Werktätigen nicht zu ihren Arbeitsplätzen kämen. Folglich ein unrentables Geschäft, sodass für Unterhalt und Investitionen notorisch Ebbe in der Kasse herrscht. Man fühlt sich in das letzte Jahrhundert zeitversetzt. „The Price of light is less than the cost of darkness“... Sonderstatus Indien, denkt man an China, Japan, Südkorea, Singapur und andere Nachbarn dieses Subkontinents.

 

Nun plant Präsident Modi mit japanischer Technologie und japanischem Geld einen Shinkansen für Indien, der im nächsten Jahrzehnt die Metropolen Delhi, Kolkata, Chennai und Mumbai verbinden soll. Ein Prestigeprojekt. Die erste 530 Kilometer lange Teilstecke dieses Hochgeschwindigkeitszuges von Gujarat nach Mumbai soll 2022 fertiggestellt sein. Auch sollten bis 2020 in die Modernisierung der Verkehrsinfrastrukturen rund 130 Mrd. Euro fließen. Das lässt Hoffnung aufkommen, und vielleicht geht damit auch ein Ruck durch die 29 Bundesstaaten.

 

Rückständigkeit zu überwinden, und da dürfen wir unsere Nase auch nicht zu hoch tragen, ist nicht nur technisch, sondern auch mental eine Herausforderung. Dafür wusste Mahatma Ghandi einen weisen Rat „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

 

 

Incredible India?

Hat Präsident Modi auf Ghandi gehört? Immerhin kann er erste, sogar „rapide“ Erfolge vorweisen. Der Gatimaan-Express braust seit April 2016 mit 160 km/h von Neu-Delhi zum Taj Mahal. An Bord sind WLAN, Biotoiletten und sogar chinesisches Porzellan für den Imbiss; der Fahrpreis für knapp 100 Minuten liegt zwischen 10 und 20 Euro je Sitzklasse. Das Modell „Train 18“, der Vande Bharat Express, der seit Frühjahr 2019 zwischen Neu-Delhi und Varanasi verkehrt, kann schon 180 km/h erreichen. Davon war der Eisenbahnminister Piyush Goyal so begeistert, dass er sein im Zeitraffer-Modus gedrehtes Premiere-Video, „Es ist ein Vogel, ein Flugzeug“, stolz auf Twitter veröffentlichte. Mit Spott musste er allerdings rechnen. Aber er ließ auch Geräte an Bahnstrecken installieren, die das Summen von Bienen simulieren, um Elefanten fernzuhalten. Dennoch befürchten Skeptiker weitere Katastrophen bei dem im Bau befindlichen indischen Shinkansen von Mumbai nach Gujarat, der mit 320 km/h auf erhöhten Strecken und durch einen sieben Kilometer langen Unterwassertunnel geführt wird. Es tut sich also was, und Indian Railways hat somit enormen Personalbedarf auf allen Ebenen, sodass die Position als größter Arbeitgeber der Welt unangefochten auf sehr lange Zeit gesichert ist.