Krisenjahr 2011/2021

Vorwort zum Vergleich 2011/2012

 

Dieter Feige, März 2021

 

„Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ (Mark Twain) oder „Die ewige Wiederkunft des Gleichen“ (Friedrich Nietzsche) sind Standpunkte verschiedener Betrachtungsweisen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren“ (Richard von Weizsäcker) ist eine interessante Betrachtungsweise, die zum Vergleich der Jahre 2011 und 2021 Anlass gibt. Die Geschichte 2021 ist erst zwei Monate alt, doch bestimmte Indikatoren zeigen jetzt schon die Verläufe und Entwicklungslinien an, in und auf denen sie sich im großen Schatten der Pandemie entwickeln wird. Es sind brisante und dramatische Umbrüche disruptiver Art mit Konsequenzen für Gesellschaft und Wirtschaft zu erwarten. Corona hat so manche Fehlentwicklungen und Schwächen von Systemen schonungslos aufgedeckt, die es jetzt schleunigst zu beheben gilt. Nicht zuletzt auch, weil das nahezu pandemiebereinigte China mit enormem Wachstum ante portas klopft. Es wird ein Krisenjahr, vor allem, wenn Krise als Chance zum Meistern der Herausforderungen verstanden wird, wie das Krisenjahr 2011, an das wir uns erinnern mögen. Ende des Jahres wissen wir mehr, ob wir Lehren gezogen haben.

 

Das „Krisenjahr“ 2011 und die neue deutsche Gelassenheit

Dieter Feige, Dezember 2011

Auf holprigen Wegen unterwegs im Jahr 2011. Was für ein Jahr! Besinnen wir uns auf die vergangenen zwölf Monate besticht sofort die Dichte der Ereignisse. Zu den drei großen Entwicklungen des Jahres, welche die deutschen Medien und die Öffentlichkeit gleichermaßen in Atem hielten, gehört zunächst der erfreuliche “Arabische Frühling“ Anfang des Jahres. Es passiert, was kein Mensch für möglich gehalten hätte und worauf der Westen, allen voran die USA, lange Zeit verbissen hingewirkt hatte: Der arabische Raum reformiert sich und das ganz von selbst! Träger der Veränderung sind die Jungen, vermeintlich Perspektivlosen, die trotz alledem ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie begehren auf gegen anhaltend schlechte ökonomische Bedingungen, mangelnde Zukunftsperspektiven und verkrustete autoritäre Strukturen und tragen ihren Protest auf die Straßen Arabiens. In Ägypten, Libyen und Tunesien münden die Demonstrationen in erfolgreichen Revolutionen. Auch in Algerien, Bahrain, Jemen und Syrien wird protestiert.

Tragisch dagegen die „Dreifachkatastrophe“ in Japan ab März 2011: Am elften März erreicht das Tōhoku-Erdbeben nahe der Ostküste von Honshū eine Magnitude von 9,0. Es löst einen schweren Tsunami aus, der über die Nordostküste Japans hinein bricht. Erdbeben und Tsunami fordern zunächst über 15.000 Tote, über 8.000 werden vermisst. Vom 12. – 14. März kommt es nach dem Erdbeben im japanischen Kern-kraftwerk Fukushima I zu einer folgenschweren Unfallserie. Der nachfolgende Atom-Gau schlägt die Weltöffentlichkeit wochenlang in seinen Bann und ist nach Tschernobyl 1986 der bis dato größte atomare Störfall weltweit. Die Wellen schlagen bis in die deutsche Innenpolitik – Unter dem Eindruck der Katastrophe beschließt der Deutsche Bundestag am 30. Juni 2011 mit großer Mehrheit das „13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“, das die Beendigung der Kernenergienutzung und Beschleunigung der Energiewende als Reaktion regelt. Der deutsche Atomausstieg sorgt für Kopfschütteln in Europa, so z.B. bei unseren französischen Nachbarn. Auch dem letzten Zweifler wird angesichts dieser Verkettung von Ereignissen aber klar, dass wir in einer globalisierten Welt leben.

Die anhaltende Finanzkrise in Griechenland stößt die Europäische Schuldenkrise und Eurokrise an, die in den letzten zwei Quartalen allgegenwärtig ist. Einige Schwarzmaler sehen gar das Ende der Europäischen Gemeinschaft am Horizont aufziehen. Beispielsweise will ein englischer Kandidat für seinen Einsatz in China nicht in € bezahlt werden. Man rechnet in UK fest mit dem Ende des € und darauf will er jetzt auch keinen Arbeitsvertrag mehr abschließen, lieber in £. Ausgangspunkt ist die sich stetig verschlimmernde Finanzkrise in Griechenland, die von regelmäßigen Generalstreiks und gewaltsamen Massenprotesten begleitet wird. Nach Griechenland stellt sich auch Portugal am siebten April unter dem „Rettungsschirm“, um klaffende Haushaltslöcher stopfen zu können. Weitere Anwärter für Hilfsgelder sind Irland, Italien und Spanien. Am 21.07 reagiert die Europäische Gemeinschaft und schafft zusätzlich zu dem seit 2010 bestehenden „Euro-Rettungsschirm“ den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Der ESM soll dazu dienen, Staatspleiten aufgrund der Über-schuldung der Staatshaushalte einzelner Mitgliedsländer und deren negative Folgen für die Gemeinschaftswährung abzuwenden. Die Stimmung bleibt aber angespannt. Die kleineren EU-Länder sehen sich angesichts eines omnipräsenten Krisenmanagerteams Merkel-Sarkozy an den Rand des politischen Entscheidungsraums gedrängt. Auch der aufmerksame Beobachter stellt sich die Frage, wo denn nun eigentlich unsere politischen Führer auf europäischer Ebene, wie EU-Kommissionspräsident Barroso oder der Präsident des Europäischen Rates Van-Rompuy, abgeblieben sind? Bestimmen sie das europa-politische Geschehen lediglich bei Schönwetter? Ende des Jahres wird immer deutlicher: Die EU-Schuldenkrise ist weniger eine Finanzkrise als eine Vertrauenskrise. Das Vertrauen in Europas Zukunft, seine Institutionen und in die Gemeinschaft muss 2012 wieder gewonnen werden.

Auch sonst hielt das Jahr 2011 einige Ereignisse bereit: Vom 16. Bis zum 23. Februar polarisiert die Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister KT Gutenberg die deutsche Öffentlichkeit. Gutenberg laviert lange um Vorwürfe herum, er habe in seiner Doktorarbeit abgeschrieben und Plagiate verwendet, bis er sich dem Druck der Öffentlichkeit beugt und zum ersten März den Rücktritt von sämtlichen bundespolitischen Ämtern erklärt. Nachdem Gaddafi den seit Februar andauernden Volksaufstand gegen ihn blutig niedergeschlagen hatte, beginnt am 19. März der internationale Militäreinsatz in Libyen. Ab Mai grassiert v.a. in Norddeutschland die EHEC-Mikrobe, welche die Verbraucher allerorts verunsichert. Der Erreger kann lebensbedrohliche Darmentzündungen und Nierenversagen hervorrufen. In den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte bleiben Gurken und Tomaten unangetastet, im Restaurant wird der Beilagensalat mit spitzen Findern vom Teller gekratzt. Am ersten Mai, fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird der Terrorist Osama bin Laden durch US-Spezialtruppen bei einem Feuergefecht in Abbottabad, Pakistan getötet. "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.“, so Obama. Am neunten Juli erklärt der Südsudan seine Unabhängigkeit vom Sudan. Der über zwei Jahrzehnte anhaltende Bürgerkrieg, der über eine Million Opfer forderte und vier Millionen Menschen zur Flucht in den Süden zwang, scheint überwunden. Am 22. Juli blickt die Weltöffentlichkeit geschockt nach Oslo. Bei einem Anschlag eines psychopathischen, rechten Einzeltäters im Regierungsviertel und auf das Jugendlager der norwegischen Sozialdemokraten auf der Insel Utöya sterben insgesamt 93 Menschen. Den Norwegern gelingt in der Folge das Bewunderns-werte: Die Gesellschaft eint sich in tiefer Trauer um die Opfer und Solidarität mit ihren Angehörigen und beschwört Toleranz und ein gemeinsames Miteinander. Am 19. September zieht die „Piratenpartei“ mit 8,9% in das Berliner Abgeordnetenhauswahl ein. Am meisten scheinen sich darüber die frischgebackenen Parlamentarier selbst zu wundern. Acht Monate nach dem Beginn des Volksaufstands in Libyen wird am 20. Oktober der frühere libysche Machthaber Muammar Gaddafi in seiner Heimatstadt Syrte unter ungeklärten Umständen getötet. Die Menschen in Libyen feiern das endgültige Ende der knapp 42 Jahre langen Diktatur. Am vierten November erschießen sich nach einem Banküberfall in Eisenach zwei Männer, die zu dem später als „Zwickauer Zelle“ berüchtigten Neonazi-Trio gehören. Nach und nach dringt ans Licht, das die Gruppe seit 1998 unbehelligt mordend durch das Land ziehen konnte, ohne dass die Sicherheitsbehörden eingriffen. Diese Ereignisse setzten das Thema Rechtsradikalismus wieder auf die gesellschaftspolitische Agenda Deutschlands. Am zwölften November geht in Italien eine Ära zu Ende: Nach 17 Jahren in der Politik und zehn Jahren an der Regierung tritt Berlusconi zurück. Er hinterlässt einen beachtlichen Scherbenhaufen: „La Bella Italia“ steht nun nicht nur vor dem Berg seiner 1,9 Billionen Staatsschulden. Berlusconi hat durch seine unselige Verquickung von Wirtschaft, Politik und Medien und durch seine unzähligen Skandale das ohnehin wenig ausgeprägte Vertrauen der Italiener in Ihre Politiker weiter geschwächt. Am 27. November werden die „Wutbürger“ in ihre Schranken verwiesen - Bei der Volksabstimmung zum unter dem Namen „Stuttgart 21“ bekannt-gewordenen Großbauprojekt der Bahn muss sich die Bürgerinitiative dem Volkswillen beugen.

2011 schreiten einige Prominente von der Bühne des Lebens. Die Welt trauert unter anderem um Bernd Eichinger († 24.01.2011), Elizabeth Taylor († 3.03.2011), Gunter Sachs (†07.05.2011), Leo Kirch (†14.07.2011), Amy Winehouse (†23.07.2011), Vicco von Bülow alias „Loriot“ (†22.08.2011) und Steve Jobs (†05.10.2011).

Und die Deutschen? Was ist angesichts dieses turbulenten Jahres aus der im englischen Sprachraum vielbeschworenen German Angst geworden? Deutschland ist in der Krise einmal mehr der Wachstumsmotor der europäischen Wirtschaft. Das „deutsche Wunder“ wird im Ausland honoriert. Auf der Fahrt in die Stadt lese ich in der FAZ einen Artikel über Kern-Euro-Länder, ob und wann Deutschland auf den Eurobond einschwenken sollte und über die damit einhergehenden 1000 Risiken. Anschließend bin ich in der prall gefüllten Düsseldorfer Innenstadt, wo die Leute sich so entspannt wie selten den Weihnachtsbesorgungen hingeben. Selten konnte ich so vergnügte Familien erleben. Keine genervten Väter und Mütter, alle scheinen gelassen und entspannt. Gute Stimmung ist ein Treiber unserer Wirtschaft und mit dem richtigen Gefährt wird jede Buckelpiste zum Fahrvergnügen!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche Festtage und einen guten Start in das Jahr 2012!

Ihr Dieter Feige

Falls Sie zwischendurch etwas Zeit haben, lesen Sie doch weitere von mir im Laufe des Jahres verfasste Artikel.