Baron Münchhausen

Die Wiedergeburt von Baron Münchhausen

 

Dieter Feige September 2020

 

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, so der kluge Staatsmann und erfolgreiche Katastrophenmanager Helmut Schmidt. Nun wurde indes die Menschheit in vielen Epochen von gottgleichen Visionären heimgesucht, die keinen Arzt konsultierten. Einer brauste mit Reiterscharen aus der mongolischen Steppe bis nach Europa, ein Weltreich zu gründen. Er starb, mit ihm der Traum, zurück blieb heiße Luft. Ein anderer zündete mutmaßlich Rom an, weil er die Leute nicht mehr mochte, die ihn nicht mochten. Ein König meinte gar, er sei der Staat. Einer jedoch hat sie alle, seinem deutschen Namen gerecht, übertrumpft. Januar 2017 betrat ein neuer Supervisionär die politische Weltbühne, verkündete messianisch dem Volk eine neue Zeit der Glorie und des Wohlstands, indem er das Blaue vom Himmel log. „America first“, so der allwissende und allmächtige Genius. Seine abstrusen und absurden Fantasien und Märchengeschichten, die er aber ständig mit neuen Lügen konterkariert, sich also selbst auf die Füße tritt, aber auch einen gewissen Unterhaltungswert, wenn’s nicht so gefährlich wäre. Wer war wohl sein Lehrmeister? Ein Anfangsverdacht.

 

Zeitreise mit Koordinatenwechsel. Deutschland im lauschigen Barock, als ein gewisser Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit seinen fantastischen Erzählungen bei seiner Fangemeinde reüssierte. Unglaubliche Geschichten wusste der Baron beim Dämmerschoppen zu erzählen, dass Haare zu Berge standen und es manchem den Atem verschlug. In seinen spannenden Abenteuern setzte er die herkömmlichen Naturgesetze schlichtweg außer Kraft. Realisierte aberwitzige Quantensprünge, die zu hyperrealistischen Ergebnissen führten. Ein Wolf verschlang hinterrücks sein Pferd, das vor den Schlitten gespannt war, und zog sodann im Geschirr steckend den Schlitten weiter. Sapperlot! Oder das Sprießen eines Kirschbaums aus dem Geweih eines Hirsches, dem er zuvor mangels Schrots mit Kirschkernen auf den Kopf geschossen hat. Potz Blitz! Oder, dass sein Rock, vom tollwütigen Wolf gebissen, nun von Tollwut befallen den Baron attackierte. Jesses!

 

Zurück in die Echtzeit. Eine Pandemie erreicht God’s Own Country. In New York gehen den Bestattern Särge und Gräber aus. Trump? Leugnet das Corona-Virus. Schmeckt nicht, gibt’s nicht. Infantile Reaktion in der Krabbelphase. Hände vor die Augen und raus aus dem Geschehen. Kurzes Augenreiben. Nun die staatsmännische Geste. Das China-Virus. Heimtückischer bakteriologischer Krieg der Kommunisten, die US-Wirtschaft zu zerstören. Frenetischer Applaus der Fans auf Twitter, dass zeitweilig das Netz zusammenbricht. Das dumme Geschwätz von gestern? Nachrichten haben eine kurze Haltbarkeit. Die WHO reagiert nicht angemessen, kein Geld mehr. Basta. Nächster Act, Trump entpuppt sich als Master-Virologe. Simsalabim. Handelsübliche Desinfektionsmittel verhindern die Ansteckung, auch UV-Bestrahlungen machen dem Virus den Garaus. Trump segelt auf dem Höhenflug, die Nation vor Schaden zu bewahren. So wie Münchhausen, der mit einer Leine, an der Speckstückchen befestigt waren, Enten fing, die dann aufflatterten und ihn durch die Luft trugen. Mit Speck kann man auch die Popularitätswerte steigen. Trump, der Erlöser. Mit dem Teufel im Bunde. Diese Gags im Dauer-Zickzack sind die Garanten, seine Aufmerksamkeitsökonomie stets auf Hochbetrieb zu halten. Visionen am laufenden Band mit Kurzweil-Garantie. Und das alles (bereits nach kurzer Zeit) stumm gedeckt durch das Schweigen einer ganzen Partei, die wehrlos zusieht – oder sich im Delirium der Machtgier ver- bzw. vorführen lässt.

Da kommt ihm dieser Woodward quer. Damned. Nun schlüpft der Potus in das hoheitliche Gewand des fürsorglichen Staats-Seelsorgers. „Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn.“ Von der ersten Millisekunde an wusste er zweifelsohne Bescheid, welche Katastrophe wie ein Tsunami anrollt. Als erster hatte er das zuvor geleugnete Geschehen als Pandemie qualifiziert – noch vor allen anderen. Dem Allwissenden entgeht nichts. Aber um Panik zu verhüten, den Bürgern die Angst zu nehmen, war seine volksfürsorgliche Pflicht das Schweigegelübde. Vorausgegangen war dieser Geheimen Offenbarung aber ein Stealth-Erkundungsflug von Trump, der auffällige Ähnlichkeiten mit einer Luftreise aufweist, die der Baron im fernen Deutschland bei einem Belagerungszustand unternommen hatte. Wir erinnern uns. Münchhausen inspizierte auf einer Kanonenkugel reitend die belagerte Stadt auf feindliche Stellungen und dann, die Lage im Kopf, meisterte er den Rückflug mit einer Kanonenkugel aus der Gegenrichtung. So auch Trump. Von seiner Lageerkundung zurück tritt der Luftikus vor die Aufnahmegeräte von Fox und verkündet der Nation: „I’m a cheerleader for the country.“ Ein wahrer Trumpf-Triumph. Cheerleader? Quarterbacks dirigieren doch die Offensive zum Touch Down. Nein, Rollentausch. Cheerleader, der permanent die Beifallsstürme des Publikums entfacht.

Twitter-Politik hat eine neue Bühne, Entertainment in den Formaten von Reality-TV und Scripted Reality. Geht doch. Showmaster Trump wird in dieser Ausrichtung einer „Brave New World“-Kampagne mit Kaisers neuen Kleidern den Wahlkampf bestreiten. Warten wir’s ab. Sollten ihm aber die Felle und auch Fälle davonschwimmen, kann der große Magier auf eine Nummer des Barons immer noch zurückgreifen. Das Münchhausen-Trilemma, sich selbst mitsamt Pferd am eigenen Zopf aus dem Morast ziehen. Betrug durch Briefwahl hat er sich als Ausrede im Falle eines enttäuschenden Wahlabends am 3. November in Münchhausen-Manier bereits selber als eigene Steilvorlage zurechtgelegt. Wetten können angenommen werden.