Der Berg ruft

Die Pilatusbahn – Das Goldene Ticket

 

Waren Sie schon auf dem Pilatus? So die Frage eines Ingenieurs, den ich in einem Bewerbungsverfahren beraten und betreut habe. Eine Frage der Qualität wie „Lieben Sie Brahms?“ oder „“Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Fragen, hinter denen sich meist eine Offenbarung verbirgt. Nein, meine Antwort, die sicher repräsentativ für die meisten Zeitgenossen ist. Gönnen Sie sich dieses einmalige Erlebnis, plädierte er für eine Fahrt mit der steilsten Bergbahn der Welt. Ein Weltwunder dank Schweizer Ingenieurskunst. Voller Enthusiasmus sprach er über das Schweizer Eisenbahnwesen, die technischen Meisterleistungen und technologischen Errungenschaften. Beeindruckt von seinen lebhaften, bildreichen Schilderungen recherchierte ich nach dem Gespräch online. Pilatusbahn: ab 1886 gebaut, 1889 eröffnet, damals mit Dampf betrieben, steilste Zahnradbahn der Welt, meistert mit bis zu 48% Steigung eine Höhendifferenz von 1.633 Metern. Der Clou, diese enorme Steigung überhaupt zu schaffen, war die Entwicklung eines neuartigen Zahnradsystems, das horizontal arbeitet, da bei den üblicherweise vertikal arbeitenden Zahnrädern die Gefahr des Aufkletterns besteht. Das überzeugte mich restlos, auf den Pilatus zu fahren. Irgendwann.

 

„Der Berg ruft“, so der Film über die Erstbesteigung des Matterhorns mit dem legendären Luis Trenker. Berge üben eine starke Anziehungskraft auf manche Menschen aus, zu denen ich zähle. Sich auf Berggipfel zu begeben, sie zu erklimmen und zu bezwingen, hat einen starken mystischen Bezug und ist sicher so tief im Menschen verwurzelt wie die Passion zum Jagen. Die Beute der Gipfelstürmer ist in majestätischer Höhe der herrliche Ausblick auf das Land, die Täler und Seen bis hin zum fernen Horizont. So sind Gipfelwanderungen auf den Kilimandscharo Kult-Event mit gleichem Stellenwert wie der Jakobsweg. En passant in diesem Kontext: Das Ersteigen eines Bergs ist Führungskräften nachdrücklich anzuraten, damit sie herausfinden, ob ihnen die mit dem Karriereaufstieg dünner werdende Luft überhaupt zuträglich ist oder ob sich gar Höhenangst einstellt.

 

An einem Wochenende im Sommer 2020 brachen wir zum Pilatus auf. Mit von der Partie war mein langjähriger Freund und Marathonpartner Frank und mein Sohn Golo, dessen Lebensmittelpunkt die Bankenstadt Zürich ist. Reisen in die Schweiz nutze ich stets, mich dort an wechselnden Orten mit ihm zu treffen und gelegentlich eine längere Strecke bis hin zur Marathondistanz gemeinsam zu laufen. In der Zeit bis zu seiner Ankunft besuchte ich das Verkehrshaus der Schweiz, ein mit vielen attraktiven Angeboten weltweit bekanntes Museum. Wie stolz die Schweizer auf ihre Bahn sind, bekunden die vielen Exponate an Lokomotiven, Waggons, Spezialfahrzeugen von den Anfängen bis heute. Flankiert wird diese Schau der technischen Entwicklungen und technologischen Meilensteine durch eine sehr anschauliche Präsentation der Bahnberufe, eine museumspädagogische Meisterleistung. Ein Besuch, der sich lohnt, recommended by Feige Business Advisors.

 

Kaum war mein Sohn Golo eingetroffen, ging es mit dem „Goldenen Ticket“ aufs Boot. Leinen los zur „Goldenen Rundfahrt“, einem phantastischen Erlebnis-Mix aus Schiffsreise, Zahnradbahn und Luftseilbahn. Nach dem Auslaufen zog das Schiff zuerst eine Schleife entlang der beschaulichen Altstadtkulisse, dann ging es der pittoresken Küstenlandschaft entlang bis nach Alpnachstad. Viele Geschichten ranken sich um den Vierwaldstätter See. Die bekannteste sicher vom Nationalheld Wilhelm Tell, der seiner Einkerkerung in Küssnacht entkam, da er den Sturm auf dem See nutzte, sich seiner Fesseln zu befreien, ans Ufer zu springen und in der Hohlen Gasse den verhassten Landvogt zu töten.

 

Wieder an Land ging es zur Pilatusbahn, die sich der kühnen Idee des Ingenieurs Eduard Lochner verdankt. Dank seiner genialen Konstruktion zweier horizontal drehender Zahnräder war die technische Überwindung von Steigungen bis 48% realisierbar. Die 4.618 Meter lange Strecke mit einer Höhendifferenz von 1.633 Metern bis Pilatus-Kulm wird mit Tempo 9 bis 12 km/h bergwärts in 30 Minuten bewältigt. Sie führt, ab 1937 elektrifiziert, von 440 auf 2.073 Meter, unterbrochen durch 5 kurze Tunnel. Die Bahn setzte sich in Bewegung, was die Passagiere schnell in Euphorie versetzte. Rechterhand vorbei an den farblich und von der Strukturierung her unterschiedlichen Gesteinsformationen mit wechselnder Vegetation, linkerhand der großartige Blick auf das sich immer breiter ausladende Tal mit dem eingebetteten, an Ausdehnung größer werdenden See. Wie in einem Zoom offenbarte sich der rasche Aufstieg zum Gipfel. Ein Aufwärtsgefühl, das Achterbahnen oder Riesenräder nur für Minuten bieten.

 

Krönender Abschluss war der Panoramablick von der Aussichtsplattform. Aber nicht das allein bietet der Pilatus. Ein breit gefächertes Angebot erwartet den Besucher, vor allem der Drachenweg durch die Klüfte des Bergs, wo der Sage nach heilbringende Drachen hausten. Nach den überwältigenden Eindrücken dieser weltweit einzigartigen Steilfahrt und den faszinierenden Ausblicken war eine Stärkung mit kulinarischen Köstlichkeiten der Schweizer Küche fällig. Danach erwartete uns ein Drachenflug, denn es ging talwärts mit der Luftseilbahn „Dragon Ride“ nach Kriens. „Dragon Ride“ ist ein Sinkflug-Abenteuer am sicheren Seil, kurz vor Stuka. Eine komfortable Kabine für 55 Personen, die mit bodentiefen Fenstern wie ein Cockpit anmutet. Im rasanten Tempo von 9 Metern pro Sekunde auf einer Strecke von fast 1.400 Metern schwebt man ins Tal, überwindet dabei knapp 650 Meter Höhendifferenz. Ankunft in Kriens als Schlusspunkt einer Reise, die auch einen willkommenen Ausbruch aus der coronabedingten Talfahrt von Home-Office und Videokonferenzen bot.

 

Nachlese: Das „Goldene Ticket“, Preis CHF 110, erinnert mich an die fünf „Goldenen Tickets“ von Willy Wonka, dem Chocolatier aus dem Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Die übergroße Nachfrage nach diesen fünf in Schokoladentafeln verpackten Tickets, die eine exklusive Besichtigung seiner Fabrik verhießen, brachten dem cleveren Fabrikanten eine enorme Umsatzsteigerung. Das „Goldene Ticket“ zum Pilatus und zurück erzielt gleichfalls diesen ökonomischen Effekt des goldenen Füllhorns. Denn dieses attraktive Event- und Shopping-Konzept übt eine starke Magnetwirkung auf Touristen weltweit aus, die Luzern mit seinen knapp 80.000 Einwohnern in großen Scharen bevölkern. Das Raffinement bei Schokolade ist der superbe Geschmack und das Dopamin, das Glückshormon. Man kann einfach nicht genug davon bekommen. Mit gleichen Zutaten wirkt das Rezept „Goldenes Ticket“. Vor allem Gastronomie, Einzelhandel und Hotellerie profitieren vom Pilatus. Die Verweilzeiten auf den touristischen Parcours und Flanierzonen sind kurz getaktet, hier eine Uhr, dort ein Menü, natürlich Souvenirs. Fazit: Es ist eine genusssteigernde Stadtmarketingstrategie, die mit atemberaubender Bergromantik, einer beeindruckenden Bootsfahrt, erlebbarer High-End-Technik der Fahrangebote auf Schiene und am Seil und den vielen exklusiven Erlebnis- und Shoppingangeboten besticht. Alles greift in nahtloser Präzision ineinander, wie bei Schweizer Chronometern und den Zahnrädern der Pilatusbahn.