Crowd-as-a-Service

Gig Economy

Haben Sie ein Problem, kommt die Lösung aus der „Cloud“ ins Haus

(Dieter Feige Februar 2020)
Eine Märchenfee? Simsalabim? Schön wär’s, doch Servicealltag geht anders. Montagabend, Waschautomat streikt, in gewohnter Warteschleife am Dienstagmorgen im Büro. Endlich. Lieferscheinnummer reicht nicht, tut mir leid, die Gerätenummer, steht auf dem Schild auf der Rückseite! Also nächster Anlauf mit Gerätenummer, prima. Freitag zwischen 11 und 15 Uhr. Oh, nicht zu Hause? Schlecht. Aber dann Mittwoch 18 Uhr, nein, vorher geht wirklich nicht. Gut, aber es bleibt doch dabei? Klar, wir lassen unsere Kunden doch nicht im Stich! Mittwochabend? Schachpartie absagen. Deja vu?
 
Anders bei Nokia, zumindest nach dem Konzept von Crowd-as-a-Service. Connecting people. Bei einem Problem geht der Kunde direkt auf eine cloud-basierte Plattform, die ihn zu einer Community qualifizierter, lokaler und schnell erreichbarer Techniker weiterleitet. Mit seiner Anfrage zur Problemlösung erhält der Kunde in Algorithmusgeschwindigkeit eine Auswahl der infrage kommenden Spezialisten. Es sind allesamt Freelancer, die ihre speziellen Dienste und ihr Know-how anbieten, ob Full-time ober nebenberuflich. Der Kunde nimmt Kontakt mit einem Helfer auf, stimmt mit ihm einen zeitnahen Termin seiner Wahl sowie die anfallenden Kosten ab. Somit wäre das allergrößte Problem bei der Problemlösung auf einem Schlag erledigt. Digital, direkt und schnell. Punktgenau ohne Kommunikationsverluste. Auch das Unternehmen hat einen Vorteil, nicht nur höhere Kundenzufriedenheit. Damit spart es sich den Außendienst für diese Art von Tech-Support und gewinnt auch eine flexiblere Kundenunterstützung.
 
Was für Anwendersupport/Servicedienstleistung gilt, lässt sich doch auch auf andere Jobs übertragen. Auch ohne die Mutter eines Unternehmens im Rücken, für dessen Kunden die Dienstleistung erbracht wird, wie im Nokiakonzept. Freelancer 4.0, 24/7. Handwerker für den Hausgebrauch, wenn Not am Mann ist. Nicht nur bei streikenden Waschmaschinen. Busfahrer auf die Schnelle für ein Verkehrsunternehmen bei grippeerkranktem Personal. Einen versierten Projektleiter für die Administration von Produkttestern. Einen Dipl.-Ing. Maschinenbau mit Expertise bei der Implementierung von Fertigungsrobotern. Die Plattform aufrufen, eine Fachkraft aussuchen, schnell mit ihr handelseinig werden. Statt Panik im Leerlauf, Job on demand auf Click. Gig Economy heißt die Zauberformel, ein Begriff, der in vielen Varianten im Medienäther kursiert. Platform Worker, Clickworker, Crowdworker, Cloudworker. Noch Zukunftsmusik? Sicher im Großen und Ganzen, vor allem in Deutschland. Doch diese neue Art von Erwerbstätigkeit wird sich über kurz oder lang durchsetzen. Das sagen nicht nur die Experten und Trendscouts.
 
Nischenmarkt oder neues Arbeitsmodell?
Denn Gig Economy als hybride Arbeitsform ist längt in Deutschland angekommen. Nehmen wir nur zwei Beispiele. Fast lautlos: Lieferando, aber sichtbar. Orangefarbene Tupfer im Straßenbild der Innenstädte, Food-Kuriere auf ihren Bikes, unterwegs zu ihren Kunden. Mit Hupkonzerten und Demos: Uber. Private Mietwagen, die in der Straßenverkehrslandschaft nicht auffallen. Gleichwertige Serviceleistungen, sollte man meinen. Ein Kunde hat Hunger auf Sushi oder Pizza Vulcano, der andere Kunde möchte zum Airport chauffiert werden. Warum der Lärm und Aufruhr bei Uber? Lieferando wird als eine logistische Variante akzeptiert, die keinen vorhandenen Zustelldienst tangiert. Uber hingegen dringt als neues Geschäftsmodell gleich einer Invasion in eine traditionelle Domäne ein, die zumeist in Innungen zusammengeschlossenen Betreiber von Taxis. Der Marktauftritt von Uber wird von der Taxibranche natürlich als schlimmstmögliche Bedrohung empfunden. Aber nicht nur in Deutschland, weltweit, selbst in einigen Regionen im Herkunftsland USA, meist Ostküste. In den meisten Staaten ist das Geschäft der Personenbeförderung streng reguliert. So wurde Uber schnell ein Fall für die Gerichte und Behörden, weil gegen geltendes Recht zuwider gehandelt wurde. Die Akte Uber macht indes deutlich, dass es für einige Ansätze von Gig Economy rechtliche Barrieren gibt. Uber ist jedoch nicht übers Ziel hinausgeschossen, so es die Doppeldeutigkeit des Germanismus „über“ (= Uber) vielleicht suggeriert. Uber bewegt sich in einer juristischen Grauzone. Aber Uber ist ein disruptiver Akt, und Pioniere müssen mit Risiken und Widerständen rechnen. Uber arbeitet schon längst daran, ein Lernprozess, durch entsprechende Anpassungen das einmal befahrene Terrain nicht wieder zu verlassen.
 
Verlässliche Zahlen für Deutschland, wie hoch der Anteil an Gig Economy ist, gibt es nicht. Schätzungen zufolge liegt er unter 1% der Beschäftigten. Anderen Quellen nach könnte der Anteil bei 5% liegen. Diese Schwankungen haben ihre Ursache darin, dass es sich um eine aus statistischer Sicht schwer zu durchdringende Nebelbank handelt. Es fehlt noch eine klar definierte Begrifflichkeit, welche bezahlten Beschäftigungen unter diese neuartige Erwerbsart fallen. Auf den ersten Blick sind es neben Fahrradkurieren und Uber-Fahrern vor allem Reinigungskräfte und die klassischen Freelancer in der Kreativwirtschaft, Architekten, Texter und Grafiker, die über Plattformen ihre Dienste anbieten. Doch die Angebotspalette ist mittlerweile sehr breit gestreut. Softwareentwickler, Produkttester, Synchronsprecher und Messestandbetreuerinnen. Weiterhin herrscht auch noch eine gewisse statistische Unklarheit darüber, ob es sich bei den Plattformarbeiten um Zuverdienste von Studenten, Hausfrauen oder Rentnern handelt, ob es Nebenjobs sind oder sogar Vollbeschäftigung ist.
 
Hybride Arbeit steht also am Ereignishorizont. Wir haben hingeschaut, das Thema weiter verfolgt. Es gibt noch vieles dazu zu berichten. Es bleibt auf jeden Fall spannend.
 
Gerne hätten wir Ihre Einschätzung erfahren, würden uns über Ihr Feedback freuen. Wir meinen, dieses neue Arbeitsmodell ist nicht mehr aufzuhalten. Angesichts der zunehmenden Schwierigkeit, Stellen passgenau zu besetzen, wird das Modell in naher Zukunft für Fach- und Führungskräfte spruchreif. Auch im Bereich Rail & Transport. Was meinen Sie dazu?