Time's up

Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.

Dieter Feige (04.2015)

Das Zitat des Filmemachers Woody Allen, zwischenzeitlich ausdauernde 79 Jahre alt, ist, aus meinem besonderen Blickwinkel auf ein Thema, dem ich hier gern einige – im Idealfall anregende – Gedanken widmen möchte. „Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende“ nimmt nämlich dem oft verklärten Phänomen des Ruhe- standes nicht nur ein gerüttelt Maß seiner Romantik. Es ist auch die treffende Quintessenz eines bedenklich unterschätzten soziodemografischen Zustands unserer Gesellschaft. Ein Zustand, der zwar auf den ersten Blick wie das ersehnte Arkadien anmutet, wo Milch und Honig fließen, bei näherer Betrachtung bisweilen aber auch zu blanker Ernüchterung taugt.
Von Hollywood zurück nach Oberkassel. Hier in zweifellos beliebter Rheinlage, wo wir vor geraumer Zeit unsere neuen Räumlichkeiten bezogen haben, lassen sich nicht nur aus unserem oberen Stockwerk heraus weitreichende Beobachtungen machen. Auch und vor allem ebenerdig. Genauer gesagt, verleiten mich meine gelegentlichen Mittagsspaziergänge durchs Viertel zu einem neuen Nachdenken über das „Leben danach“. Und damit meine ich in diesem Fall das Dasein nach dem aktiven Berufsleben, das Leben im Ruhestand. Längst ein gewohntes Bild sind die überwiegend älteren Herrschaften, im Zielgruppenjargon auch gern „Golden Agers“ oder „60+“ genannt, die man regelmäßig in den Cafés und Bistros ausmachen kann. Morgens- und Nachmittags bei einem Latte Macchiato, abends bei Wein und Bier vertreibt man sich in meist gleichaltriger Gesellschaft – häufiger aber allein, beschäftigt mit dem iPhone, – die Zeit. Ein Gut, das dieser augenscheinlich nicht mehr in Erwerbstätigkeit befindlichen Generation im Überangebot zuteil wird. Ob ihre Vision eines freudvollen Ruhestandes aufgegangen ist? Haben ihre Sehnsüchte nach dem Loslassen von Verantwortung mit dem Renteneintritt ihre Erfüllung gefunden? Erleben sie den Übergang vom Hamsterrad ins Faultierdasein wie erwartet als beglückend? Liest man in den lebendigen Gesichtern dieser den Müßiggang reichlich auslebenden Senioren, drängt sich mir inzwischen ein bedrückendes „Nein“ auf.


Ein Gegenentwurf zur Verdammung in Untätigkeit.
Einige Schritte weiter, am Fuße der Allee, zeigt sich mir dann, dass es auch ganz anders geht. Hier betreibt Willi Wolfram, seines Zeichens Schlosser auf Lebenszeit, mit beachtlichen 83 Jahren, die man ihm nicht die Spur ansieht, seine Werkstatt. Mittlerweile im Einmannbetrieb. In seiner Werkstatt, mit Stanzen, Zangen, Feilen, Pressen und einem alten Schmiedeofen herrscht ein ganz besonders aufgeräumter Geist, getrieben von einer agilen Persönlichkeit und ungebrochenen Tatendrang. Mit rosiger Gesichtsfarbe und einem gelegentlichen Aufblitzen seiner wachen Augen verrät mir, dass seine Werktage nach wie vor sehr ausgefüllt seien, es an Aufträgen nicht mangele – auch manch großem nicht. Das gehe oftmals weit über das eigentliche Schlosserhandwerk hinaus, erfordere Fantasie und natürlich eine Menge Können, Geschick und Geduld. All das hat Herr Wolfram und macht von montags bis freitags rund 6 Stunden täglich Gebrauch davon. Unermüdlich seit ungezählten Jahren. Auch wenn er sich mittlerweile schon mal den Luxus gönnt, ein bisschen später anzufangen. Dass ihn diese regelmäßige Aufgabe und die sozialen Kontakte
jung hält, muss er nicht extra aussprechen. Es ist diesem schlanken, präsenten und für sein Alter auffallend adretten Mann anzusehen. Mit bescheidenem Stolz führt er mich durch seine Werkstatt, die er laut eigenem Bekunden nicht etwa des Geldes wegen weiterführt, sondern weil es ihm einfach Freude bereite. Ruhestand sei nichts für ihn. Ein Leben ohne das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – für ihn unvorstellbar. Entsprechend schlüge er auch wohlmeinende Antragungen von Freunden in den Wind, er solle doch mit seinem Geld einfach mehrmals im Jahr Urlaub machen. Herr Wolfram will das aber gar nicht. Er braucht sein handwerkliches Schaffen, das ist unverkennbar, wie die Luft zum Atmen. Da wundert es nicht, als er mir erzählt, dass er außerdem noch immer so gern selbst seine Blumen im heimischen Garten von der Zwiebel aus hochzieht und es zuhause auch noch eine Frau zu diesem Mann gibt.


Eben doch: Mit den guten alten Werten lässt sich arbeiten.
Als letzter Schlosser im Stadtteil Oberkassel, und als sympathischer Ausnahmesenior allemal, wird Willi Wolfram bis heute von seiner Kundschaft sehr geschätzt. Bei allem, was sich mir während meines Besuches an Eindrücken bot, kann ich mir die Analogie zu einem Werbeslogan aus den späten 60er-Jahren nicht verkneifen: Und er läuft und läuft und läuft ... genauso wie sein VW-Bulli, Baujahr 1978, mit dem er seither allem Zeitlichen zu trotzen scheint. Fast ist man versucht, es metaphorisch zu sagen: Hier hat sich ein Schlosser den Schlüssel zum Glück im Alter selbst geschmiedet. Das nehme ich als Mensch, aber vor allem auch als personalberatender Wegbereiter mit und schreite mein Viertel künftig sicher noch nachdenklicher ab, wo sich doch zunehmend die Frage stellt, wer denn, bei fehlendem Nachwuchs, zukünftig nach qualifizierte ausführen kann.


Gar nicht so dünn, Volkesstimme für eine längere Lebensarbeitszeit.
Ist Willi Wolfram nun ein Exot oder lässt sich mit ihm ein Exempel statuieren? Kommt für ein Stimmungsbild die Allgemeinheit zu Wort, wird deutlich, dass sich repräsentativen Umfragen 53 Prozent der Bürger – und zwar quer durch alle Bildungsschichten den Wunsch, das Berufsleben vorzeitig zu verlassen. Auch wenn sie dafür finanziell kürzer treten müssten und von ihrer geistigen und körperlichen Fitness her eigentlich weiter arbeiten könnten. Mich interessiert allerdings mehr die andere Seite der Befragten. Widmen wir uns also denen, die in kaum nennenswerter Unterzahl von immerhin 47 Prozent ihre zweite Lebenshälfte vielleicht ähnlich mit Inhalt ausfüllen möchten wie Schlosser Willi Wolfram. Vorausgesetzt – und eben das ist entscheidend – es bieten sich ihnen hierfür die erforderlichen Rahmen- bedingungen.
Einen mutigen Vorstoß wagte in diesem Zusammenhang bereits vor zweieinhalb Jahren der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und sorgte damit für Zündstoff in der politischen Debatte. Der damals 72-Jährige sprach sich öffentlich dafür aus, die gesetzliche Lebensarbeitszeitbegrenzung gleich ganz abzuschaffen. Rückenwind für diesen Sturmangriff auf die hitzig diskutierenden Lager gab es zudem von einigen Max-Planck-Forschern und ihrer Forderung nach einer Rente mit 72. Zwar lagen der Überzeugung Letzterer monetäre Erwägungen zugrunde, nämlich den Folgen der kontinuierlich steigenden Lebenserwartung im Sinne der Rentenkassen Rechnung zu tragen. Clemens allerdings beleuchtet da noch eben jenen anderen Aspekt. Dass nämlich ein Drittel der Menschen immer länger arbeiten wolle, zeige doch, so seine Einlassung, dass viele Bürger mit ihrer Lebenseinstellung weiter seien als die Politik. Dem schließe ich mich mit meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen aus voller Überzeugung an. Damit sollte auf ein längst überfälliges Umdenken abgehoben werden, das noch ein menschliches Stück weiter greift als die Erwägungen zur erwarteten Kostenexplosion bei Renteneintritt der Babyboomer-Generation.


Lohnender Blick nach Japan: Land der vorbildlichen Altersintegration.
In keinem anderen Land der Welt beschleunigt der Alterungsprozess nämlich derart rasant wie eben dort. Japan macht gerade einen beispiellosen demografischen Wandel durch – von der einst jüngsten zur ältesten aller Industrienationen. Um es konkret zu beziffern: Man rechnet über das Jahr 2050 hinaus mit einem wachsenden Anteil alter Menschen auf 40 Prozent bei insgesamt schrumpfender Bevölkerung des Inselstaates. Dabei ist schon heute fast ein Viertel der japanischen Einwohner 65 Jahre und älter. Wie löst Nippon diesen gordischen Knoten? Auch im Fernen Osten stellt man sich schließlich Fragen nach dem Erhalt der sozialen Vitalität und wie es gelingt, trotz des massiven demografischen Ungleichgewichts als Generationen- system in Balance zu bleiben. Zwar sind die Nöte des Alters wie körperliche Einschränkung, Vereinsamung und Angst vor dem Sinnverlust des Lebens dieselben wie hierzulande. Der Lösungsansatz ist von unserem allerdings so weit entfernt wie die fernöstliche Kultur von der westlichen.
Nach dem Platzen der Bubble Economy zu Beginn der 1990 er Jahre, hat sich ein Wandel vom „Seniority to Performance Prinzipal“ entwickelt. Das auf Effizienz- steigerung ausgelegte Prinzip basiert auf der Bereitschaft der Führungskräfte innerhalb oder außerhalb des Unternehmens andere Aufgaben wahrzunehmen. Dabei ist oftmals die hierarchische Einstufung niedriger, jedoch, das eher nach außen nicht unmittelbar erkennbare Ranking, ändert sich dabei nicht. Die Mitarbeiter sind weiterhin beschäftigt und bleiben auf der „Payroll“. Die meisten großen Unternehmen verfahren nach diesem System, das eine Mehrheit ihrer Angestellten in Anspruch nimmt; falls nicht hilft das sogenannter „Silver Talent Centers“, für eine gezielte berufliche Eingliederung älterer Menschen in Vollzeit oder Teilzeit.
Ruhestand heißt hier „Fortsetzung folgt“.
Dabei ist bemerkenswert, dass in Japan über doppelt so viele Männer und Frauen im Alter von 65 Jahren und älter in Erwerbstätigkeit als vergleichsweise in den USA. Diese Tatsache liegt in erster Linie in einem abweichenden Verständnis von „Ruhestand“ begründet. Ich verwende hier gerne den Vergleich mit dem traditionellen japanischen Theater, wo der Künstler nach seiner Performance nicht hinter einem Vorhang „verschwindet“, sondern am Publikum vorbeischreitet. Das steht im Kontext zur ausgeprägte Diesseitsbezogenheit in Japan und ist Teil der Kultur, der „social harmony“ und findet auch in der Arbeitswelt Anwendung. Zudem klammern sich die „Seniors“ nicht wie in Europa an der Macht, sondern moderieren und sorgen für den Konsens im Team.

Das japanische, gruppenorientierte, eher konformistische Miteinander, mit einer generationsübergreifenden Solidarität, lässt sich sicherlich nicht auf die wesentliche, individualistisch geprägte deutsche Kultur übertragen. Dennoch bietet es Ansätze für „Human Resources Planning“ oder zukünftige HR Strategien.
Ich möchte mit mit einem Zitat von Woody Allen meine Season’s Greetings schließen: „Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens
zubringen werde.“


Bleiben Sie uns wohl gewogen

Ihr Dieter Feige